Gemeinschaftlich Wohnen und Leben

Menschen leben zunehmend länger und immer öfter allein.  In Deutschland leben zu wenig steuerzahlende Menschen mittleren Alters, um dies finanzieren zu können. Traditionelle  Familienstrukturen lösen sich zunehmend auf. Das führt zu Isolation im Alter und zur Überforderung des Sozialstaats. Daraus ergibt sich für jeden einzelnen die Aufgabe, soziale Verantwortung mit zu übernehmen. Das setzt ein Bewusstsein für Gemeinschaft und Kooperation voraus.

Nachhaltige Lebensweisen gehen immer mit (Konsum-)Verzicht einher. Warum also sollten wir uns dafür interessieren? Wie können wir dennoch davon profitieren?

Morgen ist der Abgabetermin zu diesem Thema, und meine 15 Seiten sind immer noch unbeschrieben. Abgehetzt laufe ich durch die verregnete Stadt auf dem Weg zur Bibliothek. Eine alte Frau kommt mir entgegen, mit einer Hand abgestützt auf einen Gehstock, in der anderen trägt sie schwere Einkaufstüten. Hätte ich mehr Zeit, würde ich helfen, doch ich muss weiter. Ich kämpfe mich durch eilig vorbei hastende Menschen. Fast stolpere ich über einen Bretterhaufen am Boden. Es muss ein Schrank gewesen sein – wäre der nicht zersägt worden, könnte den noch jemand mitnehmen. Am Sande angekommen, steige ich endlich in meinen Bus. Doch als er sich in Bewegung setzt, ist alles anders.

Lüneburg 2030. Es ist auf einmal stickig im Bus, draußen scheint die Sonne. Als neben der Fahrerin plötzlich ein Redner aufsteht und uns begrüßt, wird mir klar – ich sitze nicht im Linienbus, ich bin in eine Stadtrundfahrt geraten! „Das Bauwerk zu Ihrer Linken ist ein Mehrfunktionenhaus“. Was soll das sein? Der Redner erklärt, dass es sich dabei um eine Institution handelt, in der Lebensmittel, Dienstleistungen, sozial-medizinische Versorgung, Kommunikation und Kulturangebote vereint werden. Wir fahren weiter. An einer Ecke beobachte ich kleine Kinder, die draußen mit Alten um die Wette kicken. „Hier werden seit einigen Jahren erfolgreich Kita und Altenheim kombiniert. Davon profitieren nicht nur die Kinder, wie Sie sehen.“

Tatsächlich steht die Freude den Menschen ins Gesicht geschrieben. Während ich meinen Gedanken nachhänge und mich frage, wo ich hier überhaupt gelandet bin, fahren wir an mir Bekanntem vorbei – Rathaus, Marktplatz und Kirchen. „Hier sehen Sie das neue interkulturelle Wohnprojekt der Stadt. Menschen jeder Herkunft sind willkommen, durch gemeinsame Aktivitäten das Projekt weiter zu gestalten. Es geht darum, kulturelle Differenzen abzubauen.“ Ein Raunen geht durch den Bus. „Abgesehen von den beiden anderen Institutionen entsteht bei uns noch ein Gebäude mit Werkswohnungen. So können die Angestellten näher am Arbeitsplatz wohnen. Kürzere Arbeitswege und mehr Zeit für die Familie, so macht das Arbeiten gleich mehr Spaß.“

Ich weiß immer noch nicht so recht, wie mir geschieht. „Diese Wohnprojekte – das ist das neue Lüneburg. Klein- und Kinderwagen, übriggebliebenes Essen, altes Spielzeug – vieles können wir teilen oder weitergeben, wenn wir es nicht mehr brauchen. Dadurch können wir ökologische Ressourcen und Geld sparen. Nebenbei entsteht eine soziale Kultur – die Fähigkeit, Aufmerksamkeit und Verantwortung gegenüber Mitmenschen zu entwickeln. Durch die Vielfalt und Qualität der Beziehungen können soziale Unterschiede aufgewogen werden. Auf diese Weise entwickelt sich Solidarität. Das entstehende Wohngebiet wird sozial nachhaltig. Mehr Menschen übernehmen Verantwortung für ihre Mitmenschen, eine Stadtgemeinschaft entsteht.“

Der Bus hält an, alle steigen aus. Ehe ich noch verstehen kann, was gerade passiert ist, stehe ich wieder im Regen und denke an die Fahrt zurück. Die alte Frau kommt mir ein zweites Mal entgegen. Diesmal helfe ich ihr. Wo ich ursprünglich hinwollte, weiß ich nicht mehr. Das ist jetzt auch nicht mehr wichtig.

Aus dem Seminar:
Funktion von Gemeinschaft in Bezug auf (soziale) Nachhaltigkeit – Soziale Innovationen im Bereich von Wohnen/ Leben

Seminarleitung:
Hans-Joachim Plewig

Seminarteilnehmer_innen:
Beyer, Madeline; Claassen, Stephanie; Cordes, Brit; Dinh, The Vinh Danny; Drawz, Andre; Ebert, Kim; Georgy Saad, Sara; Gerritzen, Frauke Maria; Goebel, Silas Lukas; Grunke, Christoph; Herbold, Jonas; Humburg, Daria; Karimi, Weys; Maronde, Imke; Meier, Kira Monique; Michelsen, Lena; Mortensen, Rebecca; Müller, Kai; Müller, Nelson Jonathan; Mundt, Timothy; Nelle, Kikan Eleonore; Sahmanija, Malik; Schnapauff, Marianne; Steindorf, Martin; Vreden, Annica; Weisz, Lisa; Wiese, Frederike; Wiezorek, Lea; Wischert, Lara Roushan; Yildiz, Ersin

Diese Vision trägt dazu bei, die folgenden Sustainable Development Goals in Lüneburg umzusetzen und zu fördern: