Lüneburger Land: Wege zur nachhaltigen Symbiose mit der Stadt

Vom gespaltenen Verhältnis der Zwillinge Stadt und Land oder warum Lupinen die Zukunft Lüneburgs sein könnten…

Globalisierung. Konsumgesellschaft. Umweltverschmutzung. All diese Wörter schießen uns unwillkürlich durch den Kopf, wenn wir im Supermarkt vor einer reifen Mango stehen und innerlich den Weg abgehen, den diese Frucht vom Baum in Kenia bis in unseren Einkaufskorb auf sich genommen hat. Dies ist eines von zahllosen Beispielen, das nicht nur die kritische Entwicklung des heutigen Konsumverhaltens charakterisiert, sondern mehr noch auf die fundamentale Veränderung der dahinterstehenden landwirtschaftlichen Prozesse verweist. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat die Landwirtschaft und damit auch der Austausch zwischen Stadt und Land einen grundlegenden Wandel durchlaufen. Während die Landwirtschaft früher eng verzahnt war mit den umliegenden Städten und das traditionelle Wissen über landwirtschaftliche Fertigkeiten noch als Bestandteil der kulturellen Identität einer Gesellschaft galt, scheinen diese beiden Bereiche heute gänzlich voneinander losgelöst zu sein. Stadt und Land sind in ein koexistentes Verhältnis zueinander getreten und weisen nahezu keine Berührungspunkte mehr auf. Statt Lebensmittel regional und saisonal direkt beim Erzeuger zu kaufen, stehen wir das ganze Jahr über vor Regalen voller exotischer Früchte, beinahe glaubend, dass diese Fülle an Auswahl völlig natürlich ist.

Dass Globalisierung, intensive Produktion und uneingeschränkter Konsum in direktem Zusammenhang mit Umweltverschmutzung, abnehmender Biodiversität und Entwertung des ländlichen Raums stehen, ist offenkundig.
Doch inwieweit kann man diesen Missständen entgegenwirken? Kann eine engere Verbindung der Akteure Stadt und Land zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen? Dieser Fragestellung nimmt sich das Seminar „Lüneburger Land – Wege zur nachhaltigen Symbiose mit der Stadt“ an. In Kleingruppen werden diesbezüglich Ansätze erarbeitet, die sich mit den verschiedenen Dimensionen des Problems auseinandersetzen.
Von Naturschutz und Biodiversität, über Gesellschaft und Bildung bis hin zu Fragen regionaler Produkte und Lebensmittelproduktion – das Seminar greift verschiedene Aspekte des Themenkomplexes Stadt-Landbeziehung auf und versucht in zukunftsorientierten Projekten Lösungsansätze zu vorhandenen Missständen zu entwickeln.

Wie aber würde die Vision für ein nachhaltiges Lüneburg 2030+ nun aussehen? Machen wir einen Zeitsprung in die Zukunft…

Wir schreiben das Jahr 2035. Es ist Sommer und um uns herum herrscht reges Treiben, denn es ist Markttag. Unser Blick wandert über die Stände, vorbei an gut gekleideten Geschäftsfrauen, Vätern mit Kindern und Trauben von Jugendlichen. Gesprächsfetzen schweben in der Luft: “Lupinen, frische Lupinen! Lupinenburger, Lupineneis und Lupinenbrot! Frische Lupinen!” schreit ein junger Mann hinter seinem Verkaufstisch. Seine Rufe sind eigentlich überflüssig – viel zu lang ist die Schlange an ungeduldigen Kunden, die sich vor seinem Stand tummelt. “Meine Silvi hat diese Woche ihr Praktikum bei Bauer Kruse beendet. Als ich noch zur Schule ging, da gab es sowas ja noch nicht. Schule und landwirtschaftliche Praxis kombiniert, toll ist das!”, erzählt eine Frau einer anderen.

Eine Handvoll Studenten schlendert an uns vorbei. Einer beschwert sich: “Ich werde noch scheitern an diesem Versuch, mich zwei ganze Wochen lang ausschießlich von nicht-regionalen Lebensmitteln zu ernähren. Stell dir das mal vor – Mangos im Müsli, Erdbeeren im Winter. Und all das nur um uns zu zeigen, wie unbedacht sich Menschen noch vor 20 Jahren ernährt haben.“ (…) Eine blecherne Stimme reißt uns jäh aus unserem Traum: „Liebe Kunden. Heute im Angebot: Mangos aus Kenia, das Stück nur 77 Cent. Greifen Sie zu! Nur solange der Vorrat reicht.“ Wir öffnen die Augen, blicken auf die Mango in unserem Einkaufskorb. Erneut ertönt die Durchsage: „… oder aber, verlassen Sie diesen Laden auf direktem Weg. Setzen Sie sich in ihr Auto- oder besser: Auf Ihr Fahrrad. Fahren Sie zum nächsten Hofladen, kaufen Sie dort ein. Zeigen Sie den Landwirten, warum ihre Arbeit auch in der heutigen Zeit noch Sinn macht und warum es sich für sie lohnt, in die Zukunft zu investieren. Denken Sie lokal, kaufen Sie regional.“

Wie in Trance legen wir die Mango zurück und verlassen den Ort des Konsumwahns. Wir treten vor die Tür und erblicken einen kleinen Hofladen direkt gegenüber. Er war uns nie aufgefallen. „Kruse“ steht dort in hölzernen Buchstaben über dem Eingang. Mit großen Schritten machen wir uns auf in Richtung Hofladen. Auf in eine bessere Zukunft und eine nachhaltige Welt.

Aus dem Seminar:
Symbiose Stadt-Land(wirtschaft) in Lüneburg – Austausch und Grenzen im Lichte der Nachhaltigkeit

Seminarleitung:
Andreas Pacholski

Seminarteilnehmer_innen:
Kjeld Petri, Sebastian Schaarschmidt, Lena Große-Endebrock, Jule Franke, Annabelle Müller, Paulina Saerbeck, Katharina Talanow, Marlene Holst, Theresa Henne, Carolin Wolf, Marie-Christin Barge, Miriam Müller, Tobias Moock, Melina-Sue Keiner, Chiara Jelena Sander, Arne Oellrich, Catharina Straß, Jacqueline Kloodt, Anne Rapp, Lena Suchy, Henrik Bilitzki, Noah Benjamin, Merle Bobzin, Christopher Cosboth, Patricia Thieß, Lea Metzner

Diese Vision trägt dazu bei, die folgenden Sustainable Development Goals in Lüneburg umzusetzen und zu fördern: