Stadtwald Lüneburg – Integration statt Segregation

Sie sind so viel größer als ich. Ich sehe nach oben und ihre Köpfe sind meterweit entfernt. Grünes Haar streckt sich Richtung Sonne. Sie sind gekleidet in weiches Moos. Majestätische Gestalten. Ihr Parfüm ist frische Luft, ich atme ein und fühle mich lebendig. Sie sind die großzügigsten Wesen, die ich kenne. Gemeinsam schaffen die Bäume einen ganz besonderen Raum, in dem sie jeden willkommen heißen – den Wald.

Aber Wald ist nicht gleich Wald. Von Natur aus würden in unseren Wäldern vorwiegend Laubbäume – vor allem Buchen – wachsen. Diese Wälder beherbergen eine Fülle von Strukturen und Arten, die zur Stabilisierung der ökologischen Funktionen des Waldes beitragen. Mehr als die Hälfte der heimischen Wälder wird aber von Nadelbäumen dominiert, die zwar schnell wachsen, aber den meisten heimischen Arten keinen Lebensraum bieten. Aus diesem Grund sind solche Wälder nicht nur sensibel gegenüber Umweltveränderungen, sondern auch weniger ästhetisch.

Wenn Michael Stall, der Lüneburger Forstamtsleiter, durch seinen Stadtwald spaziert, träumt er von dieser natürlichen Beschaffenheit. Vor seinen Augen entsteht ein Mischwald mit unterschiedlichen Bäumen aller Altersgruppen, der Krankheiten und Klimaschwankungen die Stirn bieten kann. Obwohl dieser Laubmischwald langsamer wächst als ein Nadelwald, erzielt er auf lange Sicht nachhaltige wirtschaftliche Erträge. Um seine Vision zu verwirklichen, wendet Michael Stall ein naturfreundliches Bewirtschaftungskonzept an, welches im bundesweiten Vergleich fast einzigartig ist. Das heißt, dass sich keine neuen Nadelbäume in seinem Repertoire befinden und er nur im absoluten Notfall zu Dünger greift. Monokulturen werden nach und nach in strukturreiche Mischbestände überführt. Alte Bäume, die eine Schlüsselrolle als Strukturelement und Lebensraum für viele seltene und bedrohte Waldbewohner einnehmen, werden konsequent geschützt. Durch jahrelange Einhaltung dieser Prinzipien kommt der Stadtwald  seiner Vision schon sehr nahe.

Nicht nur der Forstamtsleiter, sondern auch Lüneburgs Bürger_innen haben eine Vision und trauen dem Stadtwald einiges zu. Naturerleben, Erholung und Freizeit sind für sie laut unserer Befragung von großer Bedeutung. Doch wenn die Bürger_innen vom Stadtwald träumen, haben sie nicht nur sich selbst im Kopf. Auch der Naturschutz liegt ihnen am Herzen. Das geht Hand in Hand mit dem Bewirtschaftungskonzept des Forstamtsleiters. Naturerleben ist nicht nur ein Gefühl, wie Forschungen zum „Biophilia-Effekt“ belegen. Unter „Biophilia“ versteht Clemens G. Arvay die angeborene Hingezogenheit des Menschen zur Natur. Dreh- und Angelpunkt der Forschung sind Terpene, die Botenstoffe, durch die die Pflanzen über die Luft miteinander kommunizieren. Produziert von der Biomasse des Waldes verbessern sie nachweisbar das Gesundheitssystem des Menschen. In Japan wird dieses Wissen bereits medizinisch angewandt. Die Menschen „baden“ bei langen Spaziergängen im Wald und nennen es Shirin Yoku, „Waldbaden“.

Genau diese Komposition aus wirtschaftlichem Nutzen und gesellschaftlichen Ansprüchen an Erholung und Naturschutz beschreibt unsere Vision für den Stadtwald Lüneburg.
Wenn ich diesen besonderen Raum betrete und das Parfüm einatme, tut es mir gut. Unsere natürliche Hingezogenheit zum Wald ist mehr als nur ein Gefühl. Warum ist der Wald soweit aus unserem Alltag verdrängt, wenn er doch so viel kann? Der Stadtwald liegt direkt vor unserer Haustür – nutzen wir ihn!

Aus dem Seminar:
Stadtwald Lüneburg – Integration statt Segregation

Seminarleitung:
Werner Härdtle, Andreas Fichtner, Kirstin Jansen

Seminarteilnehmer_innen:
Erik Teichmann, Ian Kuhn, Jan Regenbogen, Kimiko Franziska Itagaki, Paul Davidian,
Christina Warnecke, Fenja Dühring, Judith Depenau, Malte Struensee, Nele Stolten, Per Christian Thomsen, Seher Bayraktar, Amy Newsom, Charlotte-Sophie Lohmeier, Christopher te Brake, Marilena Peters, Tom-Hendrik Schafstall, Ann-Kathrin Rabeler, Meike Alina Janz, Patrik Marquardt, Sven Hinrichs, Thomas Medicus, Asadeh Naurosi, Hannah Monnin, Anna Catharina Mulder, Katharina Raissone, Kristina Panteeva, Thies Riemann, Tino Paulsen

Pat_innen:
Michael Stall (Lüneburger Forstamtsleiter)

Diese Vision trägt dazu bei, die folgenden Sustainable Development Goals in Lüneburg umzusetzen und zu fördern: